EHEMALIGE KASERNE WÄCHST IN DIE STADT

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Das Arsenal in Wien 3 wird von seiner staubbedeckten Patina befreit. Der neue Hauptbahnhof, Pläne der Eigentümer:innen und Visionen der Stadt Wien sorgen dafür.

Beinahe idyllisch wirken die rostroten Backsteinbauten des Wiener Arsenals – wie eine Mischung aus mittelalterlicher Festung mit byzantinischem Dekor, durchwachsen von viel Grün. Früher eine Kaserne, beherbergt es heute technische Forschungseinrichtungen sowie Wohnungen für mehr als 2.000 Menschen. Ein Spaziergang durch das Gebiet zeigt die heterogene Nutzung einmal mehr: Hier sind probende Schauspieler:innen, alternde Kunstschätze und Grundwehrdiener ebenso anzutreffen wie Tennisfans und historische Panzer.

1944 zerstörten Fliegerbomben das Wiener Arsenal. In der Nachkriegszeit entschied man sich, die Anlage wieder aufzubauen und als Wohnungen für Bundesbedienstete zur Verfügung zu stellen. Als Felix H. hier aufwuchs, glich das 33 Hektar große Areal einem Trümmerfeld. Aber nach und nach normalisierten sich die Verhältnisse im Arsenal. Felix H., mittlerweile Pensionist, wohnt nun über 30 Jahre lang hier und schätzt vor allem das Leben in einer kleinen Gemeinschaft in historischem Ambiente. Denn der Charme einer ehemaligen Kaserne bleibt nicht verborgen – meterdicke Wände, breite Gänge und überdimensionale Raumhöhen erinnern an die frühere Nutzung.

Veränderung durch den Hauptbahnhof

Gebaut wurde das Wiener Arsenal als Kaserne und Verteidigungszentrale anlässlich der Märzrevolution 1848. Der Feind im Inneren schien damals gefährlicher als jede Bedrohung von außen und zwang zu neuem strategischem Denken in puncto Verteidigungstaktik. Einst außerhalb Wiens errichtet, genau eine Schussweite entfernt von der Innenstadt, stand das Arsenal lange Zeit allein auf weiter Flur – außerhalb des Linienwalles – perfekt erschlossen durch Süd- und Ostbahn. Sukzessive wuchsen die Randbezirke Wiens rund um den Militärkomplex. Das Arsenal geriet in eine Insellage zwischen Autobahn, Eisenbahn und Gürtel – abgeschnitten vom Rest der Stadt.

 

Diese gefühlte Distanz merkt man auch. Beinahe wie in eine andere Zeit zurückversetzt, wirkt das Leben hier entschleunigt und ruhig. Aber so richtig still ist es nie. Denn der Lärm von Autobahn und Eisenbahn sowie seit einem Jahr auch der Baulärm des neuen Wiener Hauptbahnhofs sorgen für ein konstantes Hintergrundrauschen.

«Die Infrastruktur ist zwar besser geworden, da die Verkehrsmittel heute pünktlicher sind, aber dafür hat sich die Nahversorgung extrem verschlechtert.» erzählt Felix H., ein langjähriger Bewohner des Arsenals«Es gibt nur mehr einen kleinen Greißler, der zu Fuß erreichbar ist.»

Das wird sich nun ändern, denn eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Wiens – der neue Hauptbahnhof – befindet sich fast vor der Haustür des Arsenals. Durch Investitionen von ÖBB, Erste Group und zahlreichen weiteren Firmen entsteht bis 2015 ein neuer Stadtteil – das Quartier Belvedere – mit neuen Wohnungen, Büros und Geschäften. Dynamisches Leben zieht ein, Getümmel in den Einkaufszentren und Euphorie vor dem urban-hippen Aufschwung kündigen sich an. Ein lebendiges Viertel entwickelt sich und vielleicht schwappt auch eine Brise Bahnhofshektik auf das Arsenal über.

Die bis heute fast unabhängig funktionierende Stadt in der Stadt findet nun Anschluss an ihre Umgebung. Ein umfassendes Verkehrskonzept soll die fehlende Anbindung zum 3. und 10. Bezirk schaffen und macht dadurch das Arsenal zu einem vielversprechenden Entwicklungsgebiet. Eine Straßenunterführung in Verlängerung der Ghegastraße und zwei Brücken über die Bahngeleise der Ostbahn machen sogar einen Spaziergang nach Favoriten möglich. Die neue Südbahnhofbrücke in Verlängerung der Franz-Grill-Straße sowie der Arsenalsteg gestatten den Bewohnern einen barrierefreien Zugang zu Bildungscampus, Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten im neu entstehenden Sonnwendviertel.

Pläne der Stadt Wien sehen eine Verlängerung der U2 Richtung Gudrunstraße vor. Dadurch soll auch das Arsenal an die U-Bahn angeschlossen werden. Nicht nur die bessere öffentliche Verkehrsanbindung, sondern auch die Erleichterung des Fuß- und Radverkehrs sprengen nun endlich die Barrieren rund um den ehemaligen Militärkomplex.

Das Arsenal als Teil der neuen Kunstachse Wiens

Künftig soll die bestehende Achse Belvedere – Einundzwanzigerhaus – Heeresgeschichtliches Museum durch zusätzliche Investitionen in den Kunstbereich forciert werden. Der im Quartier Belvedere geplante „Kultur Kubus“ bietet Platz für lokale und internationale Kunst und dient als Impulsgeber für einen neuen, aufstrebenden Kulturstandort in der Stadt. Jung, dynamisch und lebensfroh soll er sein, Menschen aus aller Welt anlocken und als Tor nach Wien fungieren. Auch das Wien Museum kokettierte mit einem Umzug an die neue Kunstachse.

Ein höchst heterogenes Feld der Kulturdarbietung entsteht, wobei das Heeresgeschichtliche Museum bereits zu k.u.k. Zeiten hier den Anfang machte. «Das Heeresgeschichtliche Museum war und ist für mich immer noch ein Fixpunkt und das Herz des Arsenals» erklärt Felix H. Als ältester staatlicher Museumsbau wurde das Heeresmuseum von Beginn an als zentrales Objekt in den Planungen des Arsenals berücksichtigt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Heeresmuseum – in positiver Prophezeiung und als Distanzierung zu den Kriegsgeschehen der Vorjahre – umbenannt in Heeresgeschichtliches Museum. Seither kann man hier die österreichische Militärgeschichte hautnah erleben.

Momentan befindet sich das Vorhaben „Kunstachse Wien“ noch in der Planungsphase. Inwieweit sich die künftigen Investitionen in den Kulturbereich wirklich auswirken werden, lässt sich noch nicht abschätzen. «Es kommt darauf an, wie sich die einzelnen Häuser positionieren und wie „sichtbar“ sie sein werden… » erklärt Martina Taig, Geschäftsführerin von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) in einem Interview mit wien.at, aber: «… es kann hier etwas sehr lebendiges entstehen.»

Pläne der Eigentümer:innen

Den künftigen Hauptbahnhof in der Nachbarschaft sehen viele Bewohner:innen als Aufwertung des Gebietes, anders schaut es aber mit den privaten Interessen der Arsenal-Eigner aus. Nachdem die Anlage 2003 von der Bundesimmobiliengesellschaft an private Eigentümer:innen verkauft worden war, entstanden zahlreiche mehr oder weniger realisierbare Ideen für die bessere Verwertbarkeit des Areals. Spektakuläre Dachaufbauten oder eine futuristische Wolkenspange sollten eine Erweiterung von 40.000m² Wohnfläche schaffen. Dass 2019 die U2 das Arsenal erreichen soll, gab den Ideen zusätzlichen Mut. Doch aus den Plänen wurde nichts. Aufgrund von Denkmalschutz und dem Verein „Initiative Arsenal“, dem über 500 Bewohner:innen angehören, war eine Umsetzung nicht realisierbar. Nur in abgespeckter Version führte man nun Maßnahmen der vertikalen Verdichtung durch. Dem denkmalgeschützten Objekt 12 wurde kürzlich eine neue Kopfbedeckung aufgesetzt – 34 Hochpreis-Maisonetten, die den Unmut der Arsenalbewohner:innen auf sich zogen. Unter viel Staub und Lärm nahm neben dem Wohlbefinden der Anrainer:innen auch die historische Bausubstanz Schaden.

«Den Investitionsplänen der Eigentümer stehen nahezu alle „Arsenaler“ skeptisch gegenüber», gibt Hoffmann offen zu«Auf die Bedenken der Bewohner wird aber kaum Rücksicht genommen.» Laut Denkmalschutz ist mit dem Dachgeschoßaufbau am Objekt 12 jedoch das Maximum an möglicher Adaption im historischen Bestand erreicht. Diese Einschätzung kann als Richtmaß für die Wohnraumerweiterungen der restlichen Objekte gesehen werden und sichert zumindest äußerlich das historische Erscheinungsbild der Anlage.

Die Zukunft des Arsenals sieht Felix H. positiv. Die Hoffnungen sind groß, dass mit den kommenden Entwicklungen eine Brücke zwischen altem und neuem Wien geschlagen wird.