Maria Musterfrau, 26 Jahre alt, hat soeben ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Ihr neues Leben beginnt und dies soll mit einer neuen Wohnung eingeleitet werden – einer Maisonette-Wohnung mit Dachterrasse im angesagten Brunnenmarktviertel mit Blick über ganz Wien. Zufall? Wohl kaum.
„Zeige mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist.“ Bereits Christian Morgenstern erkannte, wie wichtig das persönliche Wohnumfeld für uns ist. Es ist wie die Visitenkarte eines Menschen, es erzählt Geschichten, schafft Persönlichkeit und gibt Individualität. Die Wohnung ist der Ausdruck und Spiegel seiner Persönlichkeit.
Wohnen damals und heute
Dies war nicht immer so. Früher dienten Wände und Dächer ausschließlich zum Fernhalten von Kälte, Regen, Wind und sonstigen Gefahren. In Zeiten der großbäuerlichen Familien war die Wohnfunktion stark mit dem Arbeiten verbunden. In einem Haus lebten dutzende Personen. Der Wohnort war gleichzeitig der Ort des gesamten Lebens, des Arbeitens und der sozialen Kontakte. Funktionen, die einzelnen Räumen zugeordnet waren, gab es kaum.
Die zentrale Entwicklung zum modernen Wohnen war die Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten. Damit einher ging auch die Ausgliederung der mit Arbeit befassten familienfremden Personen aus dem Haushalt. Es entstanden die sogenannten Kleinfamilien als Standardwohnform. Wohnen wurde etwas Intimes und den Räumen wurden einzelne Funktionen zugeordnet. Es gibt nun eine Raumtrennung zwischen Kochen, Essen, sich waschen, Reden und Schlafen. Vor allem der Schlafraum hat eine wesentliche Veränderung mitgenommen. War im Rokoko das Bett noch das Zentrum des Hauses, ist es nun der intimste Bereich in der Wohnung und nur mehr für auserwählte Personen zugänglich. Und obwohl bis heute die Aufgaben, die innerhalb der Wohnung erledigt werden müssen, immer weniger werden, so wachsen die Wohnfläche und der Wert der Ausstattung immer weiter. Vor allem die symbolische und emotionale Bedeutung des Wohnens nimmt stark zu. „Der symbolische Charakter der Wohnung hat an Bedeutung gewonnen. Die Wohnung verweist auf den sozialen Status einer Person. Sie ist mehr als nur Behausung, sie ist mit sozialer Identität verknüpft“, so Dr. Franz Kolland, Soziologe und Universitätsprofessor an der Universität Wien.
Wohnen an ungewöhnlichen Orten
Wie viele Menschen laufen auf der Straße mit dem gleichen T-Shirt herum? Wie viele Leute fahren das gleiche Auto? Wie viele Menschen wohnen in einem Fertigteil-Einfamilienhaus am Stadtrand oder in der typischen Zweiraumwohnung mit „idealem“ Grundriss? In der globalisierten Konsumwelt ist es schwer, sich außergewöhnlich und individuell zu fühlen. Durch die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, die Globalisierung und das digitale Zeitalter verlieren die Menschen immer mehr an Einzigartigkeit. Umso stärker wird das Bedürfnis, sich von der Masse abzuheben und individuell wahrgenommen zu werden. Wir streben nach Identität, Unverwechselbarkeit und Individualität.
Die Dinge die uns umgeben, sind alle ein kleines Statement zum Ausdruck unserer Persönlichkeit. Diese Tatsache zeigt sich auch beim Wohnen. Wir definieren und identifizieren uns über unsere Wohnform und den Wohnort. Wohnen ist mittlerweile ein Ausdruck der Persönlichkeit, ein Statement, mit dem man ausdrückt, wer man ist. Maria Musterfrau kommuniziert mit ihrer Wohnungswahl: „Ich bin modern und weltoffen. Ich wohne im angesagtesten Viertel der Stadt, am Puls der Zeit und ich kann es mir leisten.“
Wer will schon mit allen 5-Euro-H&M-Basic-Top-Trägern verglichen werden, mit den BILLY-Regal-Nutzern dieser Welt oder all den Fertigteilhaus-Bewohnern in einen Topf geschmissen werden? Wir wollen etwas Besonderes sein, deshalb wohnen wir gern an besonderen Orten. Die Tendenz zum individuellen Wohnen ist noch jung. In den 1960er-Jahren wurde das Thema der Individualisierung erstmals modern, vor allem im Zusammenhang mit der strukturellen und demographischen Veränderung der Gesellschaft. Seither entwickelten sich verschiedene Formen des individuellen Wohnens.
Zum einen kann der Ort der Wohnung oder des Hauses den Reiz des Besonderen erfüllen – Wohnen am vordersten Rand der Klippe, in einem schwimmenden Haus auf dem Wasser oder auf der Spitze des Berges. Extreme topographische Lagen üben eine starke Anziehung auf uns aus.
Andererseits kann auch die Geschichte eines Ortes Identität stiften. Alles, was außergewöhnlich ist, ist gut. Diesen Trend zeigt auch die Ausstellung „Wohnen an ungewöhnlichen Orten“ in Nordrhein Westfahlen. Wohnen in Silos, Supermärkten, Bunkern oder Bürobauten sind Beispiele der Ausstellung. Orte, die auf den ersten Blick zunächst keine Assoziation mit dem Begriff Wohnen hervorrufen. Doch 41 innovative, urbane und originelle Wohnungen der Ausstellung, die Architekten gemeinsam mit ihren Bauherren in frühere Nicht-Wohngebäude eingezogen haben, zeigen, dass dies durchaus keine Einzelerscheinungen sind. Immer moderner werden Wohnungen, die unverwechselbar mit dem Standort und der Geschichte des Ortes verbunden sind. Wohnen in Kasernen, Fabriken oder Kirchen – all diese einzigartigen Wohnformen geben den Bewohnern Identität, Individualität und Unverwechselbarkeit, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und etwas zu haben, das sonst niemand hat. Je einzigartiger die Wohnung oder der Wohnort, umso mehr können wir dieses Statement nach außen kommunizieren. Diese Entwicklung befriedigt aber nicht nur die nach Identität suchenden Wohnungseigentümer, sondern auch die Bauwirtschaft, denn immer mehr wird es zur Aufgabe, bestehende Strukturen und Gebäude zu renovieren und umzunutzen, anstatt neue zu bauen. Denn Platz steht nicht unendlich zur Verfügung.
Soziales Umfeld als Grundlage der Identität
Als dritter Punkt, welcher der eigenen Wohnung Besonderes verleiht, ist das soziale Umfeld zu nennen. In diesem Zusammenhang darf das Stichwort Gentrifizierung nicht fehlen. Gentrifizierung ist ein sozialer Umstrukturierungs-prozess der symbolischen und ökonomischen Aufwertung eines Stadtteils. Oft beginnt der Prozess mit sogenannten Pionieren – meist Künstler und Studierende, die wenig Geld haben – die sich in einem günstigen Stadtteil ansiedeln. Nach und nach bauen sie das Viertel auf. Es entwickeln sich Galerien, kleines Handwerk, Cafés und pulsierendes Leben auf der Straße. Der Stadtteil wird hip. Wie auch Maria Musterfrau ziehen immer mehr Menschen in dieses Quartier und treiben aufgrund der erhöhten Nachfrage die Mietpreise nach oben. Irgendwann wird es für die Künstler und Studierenden nicht mehr leistbar und sie ziehen weiter in den nächsten Stadtteil, der gerade billig zu haben ist. Gentrifizierung passiert ständig und funktioniert ausschließlich aufgrund des menschlichen Bedürfnisses, an einem besonderen Ort zu wohnen. Aber nicht nur das Brunnenmarktviertel in Wien ist ein aktuelles Beispiel der Gentrifizierung. Die Entwicklung von Soho in Manhattan, von Notting Hill in London und Friedrichshain in Berlin haben einen ähnlichen Hintergrund. Dass dieser Vorgang nicht nur Vorteile bringt, ist klar. Die Verdrängung der Armen durch die Reichen ist ein altbekanntes Phänomen und funktioniert wie ein ewiger Kreislauf.
Spezielles Wohnen für alle?
Wie weit sich der Trend zum Wohnen an besonderen Orten entwickeln wird, ist nicht zu abzusehen. Fest steht nur, dass er seine eigenen Grenzen in sich trägt, denn um speziell sein zu können, muss zumindest die Mehrheit „normal“ bleiben.