ÖKONOMISCHE ASPEKTE DER NACHHALTIGKEIT

Die Investitionskosten eines Gebäudes stehen oft im Zentrum von Planungsentscheidungen. Diese von kurzsichtiger Ökonomie getriebene, eindimensionale Betrachtungsweise muss jedoch überwunden werden. Denn eine nachhaltige Planung geht weit über die momentanen Investitionskosten hinaus, sie umfasst vielmehr den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes. Berücksichtigt man die Nutzungsdauer eines Bauwerks, so übersteigen die Kosten für Instandhaltung und Betrieb die Investitionskosten – oft schon nach wenigen Jahren. Durch Abwägen zwischen höheren Investitionskosten und dafür niedrigeren Betriebs- und Unterhaltungskosten muss ein Optimum gefunden werden, das in die Planungsentscheidungen einfließt (2).

 

Investitionskosten | Leistbarkeit.

Die Baukosten sind ausschlaggebend für die unmittelbare Leistbarkeit eines Bauvorhabens. Niedrige Investitionskosten ermöglichen ein Bauen für die breite Bevölkerung. Dennoch dürfen preiswerte Investitionen bei langlebigen Gebäuden nicht auf Kosten der Dauerhaftigkeit, Wartungsfreundlichkeit und des Energieverbrauchs während des Betriebs gehen.

Diverse Förderproramme, wie beispielsweise die Wohnbauförderung, die von den Ländern vergeben wird, fördern die Errichtung eines Eigenheimes in Abhängigkeit von Energiekennzahlen und weiteren Kriterien nachhaltigen Bauens (3). Nichtsdestotrotz wird dabei außer Acht gelassen, dass dadurch aber noch immer hauptsächlich das System Einfamilienhaus gefördert wird, welches aus energietechnischer Sicht grundsätzlich bedenklich ist.[1]

Lebenszykluskosten 

Im Rahmen einer Lebenszykluskostenanalyse (LCCA – life cycle cost analysis) können die Kosten eines Gebäudes für Erstellung, Nutzung und Abriss betrachtet werden, um eine Kostenoptimierung über den gesamten Lebenszyklus zu erreichen (1). 

Für die Lebenszyklusbetrachtung sind vor allem folgende Faktoren bedeutend: 

  • Investitionskosten
  • Betriebskosten
  • Instandhaltungskosten
  • Erneuerungskosten
  • Entsorgungskosten

Bei konventioneller Planung entfallen bis zu 85 Prozent der Gesamtkosten eines Gebäudes auf die Nutzungsphase (siehe Abb.1). Durch lebenszyklusoptimierte Planung kann ein Großteil dieser Kosten eingespart werden. Eine energetisch optimale Ausrichtung und die Reduktion des Heizwärme-, Strom- und Wasserbedarfs verringern die Betriebskosten, während durch das Verfolgen der Grundsätze für ein reparaturfreundliches und nutzungsoffenes Bauen strukturell Kosten für Instandhaltung, Erneuerung und Entsorgung eingespart werden können. Die Grundprinzipien einer lebenszykluskostenoptimierten Bauweise müssen jedoch bereits in der Konzeptphase berücksichtigt werden. Das Ergebnis einer LCCA ist ein zeitbereinigter Geldwert, der auf Nutzen oder auf die Bruttogrundfläche bezogen dargestellt werden kann. Mit dieser Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus können Einsparungspotenziale identifiziert und die Wirtschaftlichkeit einer Baumaßnahme beurteilt werden (1).


[1] Angesichts der Bodenpreisdifferenzen zwischen zentralen und peripheren Lagen wirkt die Wohnbauförderung schon seit Jahrzehnten als treibende Kraft der Zersiedelung. Eine gezielte Lenkung der Neubauten in eine kompakte Siedlungsform und eine Koppelung der Vergabekriterien an die Grundsätze der Raumplanung wäre im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung wünschenswert. (3) 

 

Entwicklung der Kosten im Lebenszyklus
Abb. 1: Entwicklung der Kosten im Lebenszyklus
NUTZUNGSDAUER | NUTZUNGSOFFENHEIT

Gebäude werden zum Zweck der Befriedigung eines aktuellen Bedürfnisses errichtet. Bei einer Lebenserwartung von möglicherweise mehr als 100 Jahren können sich diese Bedürfnisse jedoch erheblich ändern. Ziel einer nachhaltigen Bauweise ist es daher nicht nur der momentanen Nutzbarkeit des Gebäudes, sondern auch den zukünftigen Anforderungen gerecht zu werden. Flexibel und unaufwändig anpassbare Baustrukturen sorgen für ein längeres Bestehen und dies wiederum für eine geringere Umweltbelastung durch Neubauten.  

Einerseits können Konstruktion und Innenausbau auf den Anspruch an Flexibilität reagieren, indem beispielsweise Tragwerks- und Ausbaumaterialien nicht fest miteinander verbunden werden und somit einen unkomplizierten Umbau ermöglichen. Dabei gilt es konstruktive Zwänge weitgehend zu vermeiden und eine möglichst freie Gestaltung der Grundrisse zu erlauben. 

Andererseits sind auch Strukturen wie die Gründerzeithäuser sehr langlebig und flexibel, aber keinesfalls aufgrund geringer konstruktiver Zwänge und auch nicht aufgrund veränderbarer Grundrisse. Es ist vielmehr die Funktionsneutralität der Räume, die Flexibilität verursacht. Qualitäten wie Raumproportion, Höhe und Belichtung befriedigen die elementaren Bedürfnisse des Wohnens und Arbeitens gleichermaßen (6). Raumhöhen von 2,50 m, wie sie im modernen Geschoßwohnbau üblich sind, erfüllen diese Nutzungsoffenheit keineswegs – in diesem Fall führen auch beliebig positionierbare Trennwände nicht zum erwünschten Ziel der Funktionsneutralität. 

Auch die Erweiterungsmöglichkeit von Gebäuden soll gegebenenfalls bereits von Beginn an mitgedacht werden. Um beispielsweise ein späteres Aufstocken des Gebäudes zu ermöglichen, ist eine stärkere Dimensionierung der Bauteile erforderlich, die mit höheren Investitionskosten verbunden ist. Diese zusätzlichen Kosten sind im Vergleich zu dem späteren Mehraufwand einer nachträglichen Anpassung jedoch verschwindend klein. 

INSTANDHALTUNG | REPARATURFÄHIGKEIT 

Die Qualität der einzelnen Bauteile ist möglichst auf die voraussichtliche Nutzungsdauer abzustimmen. Installationen mit geringerer Nutzungsdauer sind so zu konzipieren, dass spätere Instandsetzungsmaßnahmen problemlos durchführbar sind. Es ist auf gute Zugänglichkeit und einfache Austauschbarkeit zu achten (2). Die Reparaturfreundlichkeit eines Bauteils hat großen Einfluss auf dessen Lebensdauer und somit auch auf die Kosten des Bauwerks während der Nutzungsphase. 

Haustechnische Anlagen haben meist eine kürzere Lebenserwartung als das Gebäude selbst. Sie müssen regelmäßig gewartet, repariert und im Laufe der Zeit womöglich mehrmals ausgetauscht werden. Im Sinne der Reparaturfähigkeit sollen daher Leitungen getrennt von der Konstruktion in Vorsatzschalen oder Kabelkanälen verlegt werden – sie sind leichter zugänglich und austauschbar als Unterputzleitungen. Konstruktionsprinzipien, die einen zerstörungsfreien Austausch von Bauteilen
ermöglichen, sind grundsätzlich zu bevorzugen. So kann beispielsweise bei einem Fenster der Wandanschluss mit Blindstock von vornherein so ausgeführt werden, dass ein späterer Austausch möglich ist, ohne Dämmung und Putz zu zerstören.
 

Im Stahlbau oder im historischen Holzbau muss auch die Tragstruktur regelmäßig überprüft und gewartet werden – es empfiehlt sich daher die Tragkonstruktion sichtbar zu belassen, oder nur durch flexible Konstruktionen zu verdecken. 

Reparaturfähigkeit ist auch ein Thema der Materialwahl. Unterschiedliche Materialien zeigen unterschiedliche Alterungserscheinungen. Werkstoffe, bei denen ästhetische Alterungserscheinungen durchaus als Teil des Konzepts gesehen werden können sind zu bevorzugen. Die Patina von Kupferdächern, oder das selbstverständliche Vergrauen von Holz zeigen, dass Materialien in Würde altern können. Betrachtet man eine kunststoffbeschichtete Arbeitsplatte, so entwickeln sich bei entsprechender Beanspruchung Abnützungserscheinungen wie Kratzer und Verunreinigungen. Gehen die Kratzer tiefer, so geht die Wasserbeständigkeit der Deckschicht verloren und die darunter liegende Spanplatte quillt auf. Die Platte muss ausgetauscht werden. Kratzer auf einer Massivholzplatte hingegen können abgeschliffen werden und damit sogar eine ästhetische Aufwertung erfahren (6).

STANDORT | INFRASTRUKTURKOSTEN 

Die Standortentscheidung hat wesentlichen Einfluss auf die späteren Kosten für Erschließung und Infrastruktur. Ver- und Entsorgungswege können vor allem im ländlichen Raum enorme Kosten verursachen. Eine möglichst kompakte Siedlungsstruktur ist daher anzustreben.  

Zusätzlich zu den Investitionskosten für infrastrukturelle Anlagen wie Verkehrswege, Kanal, Wasserversorgung, Elektrizitätsversorgung und Straßenbeleuchtung hat die Wahl des Standortes auch große Auswirkungen im Hinblick auf den Unterhalt dieser Anlagen durch die Gemeinde. Eine dezentrale Lage eines Bauwerks führt darüber hinaus zu einem erhöhten finanziellen Aufwand für Mobilität im täglichen Leben, wie auch für die Ver- und Entsorgungswege für Müllabfuhr oder Heizmittelversorgung während der gesamten Nutzungsdauer. Das Idealbild vom Wohnen im Grünen ist demnach mit zusätzlichen laufenden Kosten verbunden und zwingt die NutzerInnen in die Abhängigkeit von Verkehrsmitteln. 

Je kompakter der Siedlungskörper und je höher die Bebauungsdichte, desto geringer sind die Investitionskosten pro Wohneinheit für die »innere Erschließung« von Siedlungsgebieten. Die Bebauungsform beeinflusst neben den Infrastrukturkosten (siehe Abb. 2) auch den Energiebedarf und ist somit für die Wärmeversorgung relevant. Wesentlich ist dabei das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen. Freistehende Einfamilienhäuser haben den höchsten Wärmebedarf und sind demzufolge sehr kostenintensiv (5).

Verhältnisse der Kostensummen an Infrastrukturkosten unterschiedlicher Bebauungsformen
Abb. 2: Verhältnisse der Kostensummen an Infrastrukturkosten unterschiedlicher Bebauungsformen
Wertschöpfung | Beschäftigung 

Neben den verursachten Kosten des Gebäudes durch Bau und Betrieb haben bauliche Tätigkeiten noch weitere ökonomische Auswirkungen. Auf der einen Seite schafft Bautätigkeit Arbeitsplätze. Sie unterstützt dadurch die regionale Wirtschaft und stärkt die Konkurrenzfähigkeit eines Ortes. Andererseits wird durch die Gestaltung des Gebäudes die ökonomische Wertschöpfung auch durch indirekte Effekte beeinflusst. Vor allem wenn die Gebäude zu Arbeitszwecken genutzt werden, spielt deren Gestaltung und die daraus resultierende Produktivität in die ökonomischen Auswirkungen der Bauwerke mit hinein.



 

(1)    Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Hrsg. „Leitfaden Nachhaltiges Bauen“, 2011. 

(2)    Hegger, Manfred, Matthias Fuchs, Thomas Stark, und Martin Zeumer. Energie Atlas, Nachhaltige Architektur. Herausgegeben von Institut für internationale Architektur-Dokumentation GmbH & Co. KG. München, 2007. S. 190f, 196

(3)    Land Niederösterreich. „Wohnbauförderung Eigenheim“

(4)    Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik. „Bauen Wohnen Nachhaltigkeit.“ Sustainable Austria, Nr. Nummer 55 – Juni (2011a). S. 77ff

(5) Salzburger Institut für Raumordnung & Wohnen. „Infrastrukturkostenstudie Salzburg, Zusammenhänge von Bebauungsart und -dichte sowie Erschließungskosten.“ Salzburg 2007.

(6)    Schneider, Ursula, Margit Böck, und Hildegund Mötzl. Recyclingfähig Konstruieren. Wien, 2010. S. 183f, 186