Definition von Nachhaltigkeit und Baukultur sind in einem eingeschränkten Verständnis der Begrifflichkeiten zwei getrennte Begriffe. Auf der einen Seite steht der Begriff der Nachhaltigkeit, der trotz seiner Komplexität mit Berechnungen und Nachweisen objektiv vergleichbar gemacht werden soll. Bewertungssysteme wie beispielsweise das TQB-Gebäudezertifikat quantifizieren die nachhaltige Qualität eines Gebäudes anhand von Messwerten, Berechnungen und Fakten. Was dabei jedoch wenig berücksichtigt wird, ist der Faktor Mensch. Die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit finden in den diversen Bewertungssystemen nur ansatzweise Einzug. Quantifizierbare Kriterien wie Belichtung, Raumluftqualität und Barrierefreiheit werden berücksichtigt, während kulturelle und funktionale Qualitäten unbehandelt bleiben, da sie nicht objektiv bewertbar und somit nicht operativ nutzbar sind.
Auf der anderen Seite stehen die Design-orientierten ArchitektInnen, die unter ihrem Verständnis von Kultur, durch Kreativität und geniale Schöpfung kulturell wertvolle Architektur und Kunst produzieren. Dabei will man sich nicht in ein Korsett von Nachhaltigkeitskriterien zwängen. Aber Baukultur lässt sich nicht rein auf die ästhetische Dimension reduzierten, ist doch Kultur immer ein offener Dialog mit der Umwelt und dem Kontext.
Sie betrifft demnach sämtliche Aspekte des Gesellschaftlichen Lebens. Weit über das zeitgenössische Kunstschaffen und architektonische Gestaltung hinaus umfasst Baukultur auch kulturhistorische Aspekte wie Kulturdenkmäler und gewachsene Kulturlandschaften, die identitätsstiftend sind und die regionale Gesellschaft prägen. Auch Planungs- und Kommunikationsprozesse und das Nicht-bauen, sozial verantwortungsbewusstes Wirtschaften, das Freihalten von ökologisch wertvollen Flächen im Landschafts- und Ortsbild im ökologischen Netz, gehören zur Baukultur. Es ist stets ein Zusammenspiel von Architektur, Raumplanung, Freiraumplanung, Orts- und Stadterneuerung, Bodenmanagement und Bürgerbeteiligung – eine Planungskultur.
Baukultur ist also nicht gleichzusetzen mit dem Begriff der Baukunst, denn sie ist nicht nur ein Ausdruck künstlerischen Schaffens, sondern der sichtbare Ausdruck unserer Kultur. Unter diesem erweiterten Kulturbegriff stützt sich die Identität der Baukultur unter anderem auch auf die Geschichte und Tradition einer Region und ist nicht nur von Fachleuten zu tragen, sondern als gesamtgesellschaftliche Leistung zu sehen.
Im Österreichischen Baukulturreport des Bundeskanzleramtes ist der Begriff der Baukultur vor allem durch den künstlerischen Neubau besetzt. Doch abseits dieser wenigen künstlerisch wertvollen Neubauten sind es vor allem die zahlreichen qualitätsvollen Altbauten, die einen baukulturellen Mehrwert darstellen. Im Zuge der architekturpolitischen Diskussion der letzten Jahre hat sich das Thema Baukultur immer mehr zu einer Querschnittsmaterie entwickelt, die die gesamte Bevölkerung betrifft und in der auch den Interessen der NutzerInnen ein hoher Stellenwert zukommt. Baukultur soll nicht als »top-down-Produkt« mit einer bestimmten Architekturauffassung von oben herab verordnet werden, sondern geht von den Wünschen der Menschen aus. Es sind Menschen die etwas wollen, die aktiv die Gestaltung des Lebensraumes in die Hand nehmen.
»Baukultur machen Menschen wie du und ich«,
lautet in diesem Sinne auch der Slogan von »LandLuft«, dem Verein für Baukultur und Kommunikation in ländlichen Räumen. Als Teil der Alltagsarchitektur betrifft Baukultur alle Menschen – denn es ist nicht nur Baumasse die entsteht, es sind Impulse.
Während im österreichischen Baukulturreport die Nachhaltigkeit mit ihren Aspekten der Ökologie, Ökonomie und Soziokultur als Grundlage für eine positive baukulturelle Entwicklung gesehen wird, so forcierte unter anderem der Vorarlberger Architekt Roland GNAIGER umgekehrt stets die Implementierung von Kunst und Kultur als vierte Disziplin in den Themenkomplex der Nachhaltigkeit.
Versteht man den Begriff der Nachhaltigkeit umfassend als zukunftsfähiges Handeln, als Vorausschau und Vernunft, als Achtung der Schöpfung und Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen, so wird klar, dass Baukultur durchaus als ein Teilaspekt der Nachhaltigkeit zu sehen ist. Keineswegs stehen Baukultur und Nachhaltigkeit in Konkurrenz zueinander, vielmehr sind stets auch kulturelle Aspekte in den Nachhaltigkeitskriterien enthalten. Baukultur muss daher als integraler Bestandteil wahrgenommen werden, der in den ganzheitlichen Begriff der Nachhaltigkeit eingebettet ist.
Baukultur als verbindendes Element, das die Aspekte der Nachhaltigkeit in gleicher Wichtigkeit vereint und mit kulturellen Werten durchdringt.
Überwindet man also die eingeschränkte Definition dieser zwei Begriffe, so ist Baukultur nicht nur ein integraler Bestandteil der Nachhaltigkeit, sondern ohnedies sehr eng mit den drei Grundsätzen der Ökologie, der Ökonomie und der Soziokultur verwoben. Es ist nur eine Frage der baukulturellen Ausrichtung dieser drei Säulen und der Gewichtung dieser Faktoren untereinander – denn wie bereits zu Beginn dargestellt, besteht nachhaltiges Handeln dann, wenn über einen langen Zeitraum alle drei Aspekte der Nachhaltigkeit im Gleichgewicht stehen.
Im Magazin zum Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit relativiert auch GNAIGER seine Forderung nach einer vierten Dimension der Nachhaltigkeit indem er schreibt:
»Drei Säulen reichen aus um zu tragen!«
Entscheidend sei demnach in welchem Maß diese drei Säulen von Kultur durchwachsen sind, denn Baukultur betrifft alle drei Felder und Kultur bestätigt sich indem wie wir tun, und nicht was wir tun.
Literatur und Links
www.bundesstiftung-baukultur.de
http://www.gettingthingsdone.or.at/interviews/g-l/roland-gnaiger